Ein Sound und seine Assoziation
Manche Sounds benötigen nur den Bruchteil einer Sekunde, um eine bestimmte Reaktion hervorzurufen.
Wir müssen weder ein Logo noch ein Interface sehen. Unser Gehirn hat gelernt, bestimmte Geräusche
mit einer Aktion, einem Produkt oder sogar einer ganzen Marke zu verbinden.
Wie stark diese Verbindung sein kann, zeigen drei bekannte Beispiele. Einfach einmal anhören:
Tippen zum Abspielen
Wahrscheinlich lösen die drei Sounds vollkommen unterschiedliche Assoziationen aus. Der
Apple-Pay-Sound signalisiert in kürzester Zeit: Die Aktion war erfolgreich. Beim Netflix-Sound
wissen viele bereits nach wenigen Augenblicken, welche Animation gleich startet. Und der
Windows-XP-Fehlerton dürfte bei manchen direkt Erinnerungen an Fehlermeldungen und kleine
Computerkrisen wecken.
Interessant ist dabei: Keiner dieser Sounds benötigt Sprache. Trotzdem verstehen wir ihre
Bedeutung. Genau hier beginnt UX Sound.
Was ist UX Sound?
UX Sound bezeichnet gezielt eingesetzte akustische Signale innerhalb eines digitalen Produkts
oder Interfaces. Sie unterstützen die Interaktion und geben Nutzern zusätzliches Feedback
zu dem, was gerade passiert. Im Grunde übernimmt Sound damit eine ähnliche Aufgabe wie visuelle
Elemente oder Animationen. Ein grüner Haken kann zeigen, dass eine Aktion erfolgreich war. Ein
kurzer positiver Ton kann dieselbe Information zusätzlich vermitteln.
UX Sounds lassen sich bspw. in vier grundlegende Funktionen einteilen:
- Feedback bestätigt eine Aktion. Eine Zahlung wurde durchgeführt,
eine Nachricht verschickt oder eine Aufgabe abgeschlossen.
- Information weist darauf hin, dass etwas passiert ist. Eine neue
Nachricht ist eingegangen oder ein Gerät wurde verbunden.
- Warnung macht auf einen Zustand aufmerksam, der möglicherweise
eine Reaktion erfordert, wie etwa einen Fehler oder einen niedrigen Akkustand.
- Branding sorgt dafür, dass ein Sound mit einem bestimmten Produkt
oder Unternehmen verbunden wird.
Dabei muss Sound nicht immer im Vordergrund stehen. Im Gegenteil: Gutes Sound Design ist häufig
so selbstverständlich in ein Produkt integriert, dass wir es erst bemerken, wenn es fehlt.
Warum Sound UX verbessern kann
Stellen wir uns einen Bezahlvorgang mit dem Smartphone vor. Das Gerät wird an das Terminal gehalten
und die Zahlung durchgeführt. Würde anschließend einfach nichts passieren, wäre die naheliegende
Frage: „Hat das jetzt funktioniert?“ Deshalb erhalten wir Feedback. Auf dem Display erscheint eine
visuelle Bestätigung, das Smartphone gibt haptisches Feedback und zusätzlich ertönt ein kurzer Sound.
Aus einer einfachen Aktion entsteht dadurch eine klare Kette:
Aktion
→
Feedback
→
Sicherheit
Sound kann also dabei helfen, Unsicherheit zu reduzieren. Nutzer müssen nicht aktiv nach einer visuellen
Bestätigung suchen, sondern erhalten unmittelbar eine zusätzliche Rückmeldung. Und das begegnet uns
ständig: beim Erstellen eines Screenshots, beim Verbinden von Kopfhörern, bei einer eingehenden Nachricht
oder beim Einparken eines Autos.
Besonders interessant ist dabei, wie schnell wir die Bedeutung eines Sounds erfassen können. Ein heller,
kurzer Ton kann Erfolg oder Bestätigung vermitteln. Ein plötzliches, auffälliges Signal fordert dagegen
Aufmerksamkeit. Wiederholt sich ein Warnton immer schneller (wie z. B. bei einem Parksensor) verstehen
wir sogar eine zunehmende Dringlichkeit, ohne eine einzige Zahl sehen zu müssen. Sound erweitert das
Interface damit um eine weitere Ebene der Kommunikation.
Er sollte wichtige Informationen allerdings nicht ausschließlich vermitteln. Nutzer können ihr Gerät
stummgeschaltet haben, sich in einer lauten Umgebung befinden oder Audiosignale nicht bzw. nur eingeschränkt
wahrnehmen. Gutes UX Design kombiniert deshalb akustisches Feedback sinnvoll mit visuellen oder haptischen
Signalen.
Wann Sound Design nervt
Mehr Sound bedeutet allerdings nicht automatisch bessere UX. Wahrscheinlich kennt jeder die Situation: Eine
Benachrichtigung ertönt. Kurz darauf die nächste. Und noch eine. Was ursprünglich Aufmerksamkeit schaffen
sollte, wird irgendwann ignoriert oder sorgt schlicht für Frust. Sound konkurriert stärker um unsere
Aufmerksamkeit als viele visuelle Elemente.
Ein kleiner Hinweis auf dem Display lässt sich übersehen. Ein lauter Ton unterbricht dagegen möglicherweise
ein Gespräch, eine Präsentation oder konzentriertes Arbeiten.
Deshalb sollte bei jedem UX Sound die Frage gestellt werden: „Muss der Nutzer das wirklich hören?“ Entscheidend
sind unter anderem Häufigkeit, Lautstärke, Länge, Wiederholung und Kontext. Ein Warnsignal bei einer kritischen
Aktion darf Aufmerksamkeit verlangen. Ein lauter Bestätigungston bei jeder noch so kleinen Interaktion dürfte
dagegen ziemlich schnell anstrengend werden. Auch Wiederholungen spielen eine große Rolle. Ein Sound, der beim
ersten Mal angenehm wirkt, kann beim hundertsten Mal vollkommen anders wahrgenommen werden.
Gutes UX Sound Design bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Interaktionen hörbar zu machen. Es bedeutet,
bewusst zu entscheiden, wann Sound einen tatsächlichen Mehrwert bietet und wann Stille die bessere Gestaltung ist.
Sound als Teil einer Marke
Sound kann aber noch etwas anderes: Er kann Identität schaffen. Das Netflix-Beispiel vom Anfang zeigt das besonders
deutlich. Das kurze „Ta-dum“ erklärt keine Funktion und hilft uns nicht dabei, die Plattform zu bedienen. Trotzdem
erfüllt es eine wichtige Aufgabe: Es kündigt das Markenerlebnis an.
Hier überschneiden sich UX Sound und „Sonic Branding“. Ähnlich wie Unternehmen bestimmte Farben, Schriften, Formen
oder Bildwelten verwenden, können auch Klänge Teil einer visuellen, bzw. in diesem Fall akustischen, Identität werden.
Besonders spannend wird es, wenn funktionaler UX Sound und Markenidentität zusammenkommen. Ein Bestätigungston kann bspw.
gleichzeitig kommunizieren, dass eine Aktion erfolgreich war, und sich dennoch charakteristisch nach einem bestimmten
Produkt anfühlen.
Sound Design ist damit weit mehr als ein netter Effekt. Richtig eingesetzt kann es Orientierung geben, Aktionen bestätigen,
vor Fehlern warnen, Emotionen erzeugen und sogar dafür sorgen, dass wir eine Marke erkennen, ohne sie überhaupt zu sehen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb beim nächsten Interface nicht nur zu fragen: „Wie soll es aussehen?“ Sondern auch: „Wie
soll es sich anhören?“